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Modell Birkenfeld

Modellversuch ist von Erfolg gekrönt

Nahe Zeitung Nr.276 - Mittwoch, 28. November 2007  

Viele Fragezeichen standen zu Beginn des Modellversuchs "Elektronische Patientenakte" im Krankenhaus der Elisabeth-Stiftung in Birkenfeld. Jetzt zog Ministerin Malu Dreyer Bilanz.

   BIRKENFELD. Als "großen Erfolg" lobte Gesundheitsministerin Malu Dreyer das in ihren Augen "wegweisende" Modellprojekt "Elektronische Patientenakte" der Birkenfelder Elisabeth-Stiftung, das für viele kleine Krankenhäuser im Lande Pate stehen könnte.

   Ziele waren dem Geschäftsführenden Vorstand Dr. Wolfgang Schneider zufolge die Reduzierung des bürokratischen Aufwands, die Steigerung der Wirtschaftlichkeit und der Qualität sowie die Vernetzung des Hospitals mit anderen Leistungsanbietern. "Die gewonne Zeit muss dem Patienten zugute kommen - in der ganzheitlichen Pflege und der ärztlichen Zuwendung", lautet die Maxime. "Es gab zahllose Probleme im Detail", blickte der 55-Jährige zurück: "Letztlich haben die menschlichen und technischen Schnittstellen funktioniert." Der gemeisterte Versuch habe der Stiftung überregional Aufmerksamkeit beschert: Sogar das Handelsblatt berichtete darüber.
   "Können Sie sich vorstellen, dass zehn Prozent der Laborergebnisse nie den Stationsarzt erreichen?", verdeutlichte Schneider die Defizite, die zu dem 2004 gestarteten Projekt inspirierten, für das Land und Krankenkassen nach Angaben von Dreyer 400 000 Euro aufbrachten.




Die Pflegedirektorin der Elisabeth-Stiftung, Claudia Schneider-Dirckx, erläutert Ministerin Malu Dreyer (rechts), wie das Eingabegerät der Patientenakte funktioniert.
Foto: Karsten Schultheiß

   Eine Visite mit der digitalen Patientenakte demonstrierte Dr. Rainer Großmann. Anschaulich zeigte der Chefarzt, wie er zum Beispiel die medikamentöse Therapie überprüft, die Labor- und Messwerte abruft, seine Diagnosen eingibt oder eine Röntgenaufnahme anordnet.
   Aus der Sicht der begleitenden Schwester setzte Pflegedirektorin Claudia Schneider-Dirckx das "Palm" genannte Eingabegerät wie einen Notizblock ein, der etwa die Pflegetätigkeiten, die Fieberkurve und die Grenzverweildauer jederzeit überall in der Klinik verfügbar macht: Kabellos ist er über den ClinicCoach-Server an das Krankenhausinformationssystem angebunden. Auf diesem Weg landen Essenswünsche direkt in der Küche. Sämtliche Befunde fließen automatisch in den Entlassbrief ein. Wichtige Daten stellt das Krankenhaus schnell und ohne Übertragungsfehler dem weiterbehandelnden Hausarzt und einem ambulanten Pflegedienst zur Verfügung.

   Organisatorische Veränderungen und Einsparung unnötiger Untersuchungen skizzierte Prof. Dr. Klaus J. Zink von der Universität Kaiserslautern als Auswirkungen.

"Beweis des Vertrauens in die Leistungsfähigkeit unseres Krankenhauses" ist für den Verwaltungsratsvorsitzenden Wolfgang Hey, dass die Landesregierung der Elisabeth-Stiftung die Pionierrolle übertragen hatte. Von einem "Gewaltakt für die Mitarbeiter" sprach Krankenhausdirektor Guido Baltes, der einen großen Vorteil darin sieht, die früher nur auf Papier vorhandenen Anordnungen der Ärzte sofort online an die Funktionsbereiche wie Labor, Röntgen oder Physiotherapie weiterleiten zu können. (ks)

"Dreigestuftes Modellprojekt"

1. Stufe

Die erste Stufe richtet sich auf eine drastische Reduzierung des Dokumentationsaufwandes durch den Einsatz moderner organisatorischer und technischer Mittel. Hierzu zählen leistungsfähige Handcomputer - Palmgeräte -, mit denen Ärzte und Pflegekräfte jederzeit erforderliche medizinisch-pflegerische Eingaben machen oder Daten abrufen können.

2. Stufe

Mit moderner Eingabetechnik allein kann das Doppelziel höhere Wirtschaftlichkeit und höhere Qualität jedoch nicht erreicht werden. Notwendig ist eine patientenorientierte Anpassung der gesamten Ablauf- und Aufbauorganisation des Krankenhauses mit dem Ziel einer Optimierung des Patientenweges durch das Krankenhaus. Dabei sind die neuen Regelungen der europäischen Arbeitszeitbestimmungen für Krankenhäuser modellhaft mit zu berücksichtigen. Hand in Hand mit diesen organisatorischen und zeitlichen Änderungen ist auch eine Anpassung der Qualifikation der Belegschaft erforderlich.

3. Stufe

In der dritten Stufe steht die Vernetzung des Krankenhauses mit den anderen Leistungsanbietern im Kreis- bzw. im Versorgungsgebiet im Vordergrund. Im DRG-Zeitalter sind Mindestmengen der jeweiligen Fallpauschalen aus wirtschaftlichen Gründen sowie zum Erhalt der Ergebnisqualität zwingend notwendig. Durch eine örtliche Vernetzung von stationärer und ambulanter Leistungserbringung lassen sich die erforderlichen Mindestmengen erreichen. Erst die Vernetzung sichert somit dem Patienten eine ortsnahe, qualitativ hochstehende und kostenadäquate medizinisch-pflegerische Versorgung.

Das "Modell Birkenfeld" verbindet Lösungsansätze für die Umstellung der Krankenhäuser auf das neue Entgeltsystem mit den anstehenden europäischen Arbeitszeitregelungen und berücksichtigt die notwendige stärkere Durchdringung von stationärer und ambulanter Leistungserbringung mit dem Ziel einer adäquaten Versorgung der Bevölkerung. Die Inhalte des Projektes sind in ihrer Kombination bislang einmalig in Deutschland. Das Projekt wird evaluiert vom Institut für Technologie und Arbeit der Universität Kaiserslautern.

Bereits im Januar 2004 wurde mit der Einführung der elektronischen Patientenakte und damit der ersten Stufe des Projektes begonnen. Krankenschwestern, Krankenpfleger, Ärzte und Funktionsdienste lernten die Eingaben in den geldbörsengroßen Computer (Palm) zu machen, der schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus dem Stationsalltag wegzudenken war. Angeleitet und begleitet wurde das Personal von der Firma HIG Coachit, die die Software ClinicCoach entwickelte und deren Mitarbeiter bei dieser einschneidenden Umgestaltung mit Rat und Tat zur Seite standen.
Bei der Startveranstaltung durch das Ministerium präsentiert CoachIt die Software und stellt unter Beweis, dass die bei der Dokumentation gesparte Zeit von Ärzten und Pflegepersonal den Patienten zu gute kommt Dabei wird deutlich, dass durch die von jedem Arzt und jeder Pflegekraft sofort abrufbaren Patientendaten die Qualität von Pflege und Behandlung steigt. So gehört z.B. langes Warten auf Laborbefunde als Grundlage einer medizinischen Entscheidung der Vergangenheit an. Die Daten werden bereits im Labor in das Krankenhausinformationssystem eingelesen und können damit sofort auf dem "Palm" verfügbar gemacht werden. Auch Anordnungsformulare für Labor oder Röntgen beispielsweise müssen künftig nicht mehr nach der Visite "zu Fuß " ausgefüllt werden, sondern werden direkt am Patientenbett angefordert und dann automatisch ausgedruckt. Jegliche Übertragungsarbeiten und damit verbundene Fehler entfallen und zusätzlich bekommt das medizinische Personal Hilfsmittel an die Hand ,die das Heraussuchen von bestimmten Informationen aus dicken Akten überflüssig macht, weil alles mit einem einzigen Knopfdruck gezielt abrufbar ist. Die eingegebenen Patientendaten können von den Ärzten als Grundlage für Kurzarztbriefe und Entlassungsberichte direkt übernommen werden oder für die schnellere und bessere Kodierung nach DRG genutzt werden.